i caught no full-blown flower of theory

exposition au SIC! Raum für Kunst, de Lucerne

5. April 2014 bis 03. Mai 2014

Wie Muscheln in den Grund unserer Städte gelangen

Text von Eva-Maria Knüsel

Stell dir vor, ein Haus auf dem Land. Keller, Dachboden, Abstellkammern voller Dinge des alltäglichen Gebrauchs. Koffer, Kleidungsstücke, Werkzeuge, Zeitschriften, Spielsachen, Staub. Baptiste Gaillard folgt einer Ameisenspur im Haus seines Vaters und stösst dabei auf eine grün-weiss gestreifte Hängematte, die zusammengeknüllt und mit Seil umwickelt in einer Ecke des Kellers liegt. Darin haben sich die Insekten ihren Bau errichtet, eine fragile Konstruktion aus Höhlen und Gängen, die bei der geringsten Berührung zu zerfallen droht.

Die Arbeit beginnt mit der Betrachtung eines alltäglichen Gegenstands. Ein Stück Holz, dessen Bruchstellen abgeschliffen sind durch die Erosion von Wind und Wasser. Ein handelsüblicher Bodenlappen. Ein verdorrter Kaktus, eine golden glänzende Sicherheitsdecke. In diesen Dingen ist eine Erzählung oder eine Erinnerung «verwahrt». In ihnen verborgen, liegt die Faszination für die Komplexität der Form – das Erstaunen über den menschlichen Erfindungsreichtum – die Reflexion darüber, wie die spezifische Beschaffenheit des Materials zur Unverwechselbarkeit seiner Funktion beiträgt. Alles was da ist, ist ein Angebot. Die verwendeten Materialien reichen von elementaren Werkstoffen über organische Materialien bis hin zu raffinierten künstlichen Baustoffen. Sie dienen als Attraktoren, die andere Materialien und Gegenstände nach eigenen Gesetzmässigkeiten an sich binden. Die Fundstücke werden bemalt, angesprayt, mit Bauschaum gefüllt und in der Kombination von organischen und künstlichen Materialien zu hybriden Objekten.

Es ist die Art und Weise wie Baptiste Gaillard diesen schlichten Gegenständen begegnet. Er eignet sie sich an, die Objekte werden ihrer ursprünglichen Funktion enthoben und zu Bestandteilen von Gaillards spezifischem Vokabular. So erinnert die Platzierung des Objekts «ohne Titel #1» über der Tür an ein Leuchtschild, das den Ausgang weist oder an einen Kultgegenstand zum Schutz des Hauses und seiner Bewohner/innen. Aus einem Stück Schaumstoff werden mit Hilfe eines Spannsets zwei an Mickey-Mouse-ohren erinnernde Objektteile. Mit Silikon auf einem Putzschwamm fixierte Wespen evozieren in Kombination mit einem speckigen Lederbeutel, einem profanen Bodenlappen und einem im Nylonstrumpf verborgenen Kugelfisch, Bilder von Boxkämpfen, geschwollenen Gliedern oder an der Küste angeschwemmtem Gut. Gemeinsam sind den Objekten die Formensprache, die Farbigkeit und die Ambivalenz zwischen organischem und Anorganischem, wertvollem und wertlosem, Zerbrechlichem und Robustem.

Davon ausgehend, dass sich die Dinge ständig verändern und sich ihre Bedeutungen stets aufs Neue entfalten, entziehen sie sich einer klaren Zuordnung. Als Kinder haben wir Äste mit Schnur umwickelt und sie damit zu archäologischen Fundstücken oder magischen Waffen erklärt. Den Dingen einen Namen zu geben, bedeutet ihre spezifische Qualität herauszustreichen, ihre Besonderheiten in differenzierte Wahrnehmungen zu überführen und zu befragen. Darin entfaltet sich eine Fülle gedanklicher Reflexion. Die Neugier und das Erstaunen darüber, wie eine Wirklichkeit beschaffen sein muss, in der eine Hose gleichzeitig Kleidungsstück und auch Kunstwerk sein kann. Wie Muscheln in den Grund unserer Städte gelangen, wie aus einem Stück Holz ein Feuer wird und was diese Objekte über unsere Kulturgeschichte erzählen.

Der Titel «i Caught no Full-Blown Flower of Theory»(1) lässt sich in Bezug zur Ausstellung vielleicht dahin gehend interpretieren, dass es sich um Objekte handelt, die in einem bestimmten Aggregatszustand konserviert worden sind. Es lässt sich nicht ausschliessen, dass sie sich im nächsten Augenblick verwandeln, zerfallen oder zu wuchern be- ginnen. Der Ausstellungsraum bietet ihnen temporären Lebensraum. Die Objekte verweisen auf die durchlaufenen und noch bevorstehenden Transformationsprozesse, ohne jedoch zu Trägern einer einzigen Theorie zu werden. Baptiste Gaillard befragt die Gewissheit ihrer Existenz und überführt sie in eine Offenheit, in ein Feld der Möglichkeiten.

(1) le titre est une citation du poème The unreliable narrator, de Keith Waldrop (https://www.poetryfoundation.org/poems-and-poets/poems/detail/53186)

http://www.sic-raum.ch/